Ist die Digitalisierung wieder nur was für die Großen der Bio-Branche?

Ist die Digitalisierung wieder nur was für die Großen der Bio-Branche?

Bevor ich die Frage etwas ausführlicher beantworte, möchte ich an dieser Stelle noch einmal ein in einem vorangegangenen Eintrag bereits ausführlicher dargestelltes Ergebnis der Bitkom-Research Umfrage aus diesem Jahr wiedergeben, denn sie macht deutlich, welche Meinungen, aber auch Bedürfnisse in der Branche vorherrschen.

82% der Befragten gaben an, bereits digitale Technologien zu nutzen.

Interessant dabei, dass diese Durchschnittszahl in Bezug auf die Größe nach ha wie folgt ausgefallen ist:

30-49 ha: 64%

50-99 ha: 71%

Ab 100 ha: 91%

Der Bedarf ist also umso größer, je weniger der Betrieb Flächen hat.

Quelle:  https://www.bitkom-resarch.de/system/files/document/200427_PK_Digitalisierung_der_Landwirtschaft.pdf

Des Weiteren ist es bislang so gewesen, dass die technische Aufrüstung vor der Digitalisierung in aller Regel nur für große Betriebe überhaupt möglich war, wenn überhaupt.

Die in den letzten Jahrzehnten immer größer und teurer werdenden Maschinen konnten sich kleinere Betriebe nicht leisten, sondern allenfalls für einen temporären Einsatz mieten. Da nicht zuletzt durch den Klimawandel die Zeitfenster für den Einsatz der meisten Maschinen in der Landwirtschaft immer kleiner werden, ist deren Anmietung mit meist steigenden Kosten und Risiken verbunden. ABER: Die Digitalisierung ist ebenfalls mit erheblichen Kosten verbunden, nur ist eine schrittweise Vorgehensweise hier wohl einfacher.

Hier ist also ein „Nein“ meine Antwort auf die in der Überschrift gestellte Frage. Vielleicht sogar ganz im Gegenteil. Es scheint so zu sein, dass gerade kleinere Bio-Betriebe, nicht zuletzt aufgrund der schlankeren Strukturen, schneller und flexibler digitale Maßnahmen planen und umsetzen können. Sie können zudem meist schneller wieder Korrekturen vornehmen, wenn durch die geplante Strategie und dann umgesetzten Maßnahmen die gewünschten Ziele nicht erreicht werden konnten.

Größere Betriebe haben in der Regel zwar mehr Kapital für Digitalisierungsmaßnahmen zur Verfügung, können aber meist nicht so schnell auf Änderungen oder notwendig gewordene Anpassungen reagieren.

Die Anbieter wissen das auch und es ist eine interessante Entwicklung zu erkennen: Der Einsatz digitaler (und meist konfigurierbarer) Strukturen ist in aller Regel praktisch unabhängig von der Größe des Betriebs möglich und sinnvoll.

Bei der Entwicklung von digitalen Fahrzeugen ist, im Gegensatz zu der in den letzten Jahrzehnten gerade in der Landwirtschaft zu erkennenden Drank zur Gigantomanie und immer größerer Fahrzeuge, ein gegenläufiger Trend erkennbar.

Heute nimmt hier gerade bei halb- oder vollautonomer Fahrzeuge die Entwicklung kleinerer Fahrzeuge/Roboter einen großen Raum ein. Während also in den letzten 30-40 Jahren die Entwicklung z.B. der landwirtschaftlichen Nutzfahrzeige zu immer größeren und damit auch teureren Einheiten geführt hat, ist nun die Entwicklung insbesondere auch sehr kleiner Fahrzeuge gegeben. Viele der kleine Nutzroboter haben die Größe eines Reisekoffers mit Rädern und können perfekt so z.B. auf die Spurbreite der Pflanzungen angepasst werden. Viele fahren selbstständig aus ihren Ladestationen heraus, vernichten gleichzeitig mechanisch Unkraut und harken den Boden und fahren selbstständig wieder in Ihre Garagen, wenn Sie neue Energie brauchen. Dazwischen sind 10-14 Stundenschichten kein Problem und eigentlich setzt hier nur die Energie eine zeitliche Grenze. Zudem sind sie aufgrund des elektrischen Betriebs so leise, dass aus rein akustischen Gegebenheiten sogar ein 24/7 Betrieb theoretisch möglich wäre.

Man kann also sagen, dass es heute praktisch egal ist, wie groß ein Bio-Betrieb ist und es sogar bei näherer Betrachtung so ist, dass eine Digitalisierung gerade bei den kleinen bis mittleren Betrieben einfacher, viel genauer, und damit sogar kostengünstiger, umgesetzt werden kann.

Gerade diese werden daher in der nahen Zukunft durch einen sinnvollen Einsatz der digitalen Möglichkeiten eine völlig neue Wettbewerbsfähigkeit erreichen und den großen Betrieben durch ihre Flexibilität und geringere Abhängigkeitsstrukturen vielfach den Rang ablaufen.

Nur die Planung, die strategischen Maßnahmen und die unbedingt erforderlichen kontinuierlichen Kontrollen (und ggf. Anpassungen/Änderungen) müssen bei allen so ausgestaltet sein, dass die positiven Möglichkeiten und Folgen einer sinnvollen Digitalisierung für alle eingesetzt werden.

Egal ob großer oder kleiner Bio-Betrieb, die neuen digitalen Technologien können in allen Betrieben den Arbeitsaufwand aller Menschen mittel- und langfristig reduzieren, die Erträge sicherer machen und das Tierwohl verbessern. Die Kommunikation mit den Verbrauchern kann optimiert und die Transparenz in der gesamten Wertschöpfung erhöht werden. Zudem kann der Einsatz von Pflanzenschutzmittel, Dünger und Wasser sehr viel genauer und dadurch im Ergebnis in der Regel auch reduzierter eingesetzt werden. Die Digitalisierung stellt flexible und teilbare Werkzeuge bereit, die nicht nur die großen Betriebe nutzen und sich leisten können und die auf die jeweils konkrete Größe, den Standort und die jeweiligen individuellen Bedürfnisse der Betrieb, unabhängig von deren Größe, konfiguriert werden können. Nicht vergessen werden sollten hier die Möglichkeiten digital gesteuerter kleinen Maschinen z.B. im Bereich der eigentlich mechanischen Arbeiten (z.B. Unkrautbekämpfung). 

TIPP

Interessant für alle kleinen und mittleren Bio-Betriebe wird hier eine gerade gestartete 3-jährige Studie der Universität Hohenheim sein, die in ihrem Projekt DiWenkLa ( = Digitale Wertschöpfungskette für eine nachhaltige kleinstrukturierte Landwirtschaft):

„Zu diesem Zweck werden im Projekt DiWenkLa gemeinsam mit Partnern aus Industrie und Dienstleistung sowie mit der landwirtschaftlichen Praxis Experimentierfelder in der Metropolregion Stuttgart und dem Südschwarzwald aufgebaut. Das Vorhaben beschäftigt sich insbesondere mit dem Einsatz digitaler Technologien in den Produktionszweigen Ackerbau (Getreide und Eiweißfrüchte), Feldgemüsebau, Grünlandbewirtschaftung sowie Rinder- und Pferdehaltung.

Dabei werden verschiedene (digitale) Technologien aus den Bereichen Robotik und Automation sowie Sensorik, auch im Zusammenspiel mit der Künstlichen Intelligenz, weiterentwickelt und angewendet. Aber auch Kommunikationssysteme sowie Cloudsysteme und Farm Management Systeme (FMIS) stehen im Fokus. Diese (digitalen) Technologien und Systeme sollen den Schutz von Umwelt und Natur noch stärker unterstützen, ein höheres Tierwohl ermöglichen, aber auch zur Arbeitserleichterung sowie zu einer höheren ökonomischen Effizienz beitragen. Weitere Ziele bestehen darin, mit geringen Kosten einen wertschöpfungssteigernden und selbstbestimmten Zugang zur Verarbeitung, zum Handel sowie zum Endkonsumenten zu erhalten sowie die Widerstandskraft der Betriebe im Fall von Systemausfällen zu steigern.“

https://diwenkla.uni-hohenheim.de/