DigiMilch – Echte Lösung oder fragwürdiges Experiment?

DigiMilch – Echte Lösung oder fragwürdiges Experiment?

Das Projektteam DigiMilch der Landesanstalt für Landwirtschaft des Landes Bayern erhielt in diesem Jahr eine weitere Unterstützung durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft.

Im Titel des Projektes wird deutlich, was hier eigentlich „getestet“ werden soll: Die Digitalisierung der gesamten Verfahrenskette der Milcherzeugung. In dem Experiment sollen insbesondere 5 Bereiche und darin mögliche digitale Lösungen untersucht werden:

  1. Tierindividuelle Sensorsysteme
  2. Sensorgestützte Ertragsmitteilung
  3. Fütterungsmanagement
  4. Eine vernetzte Stalltechnik
  5. Wirtschaftsdüngermanagement

Einen der Schwerpunkte sehen die Forscher hier, wie übrigens in allen Bereichen, die einer Digitalisierung unterzogen werden sollen, in der notwendigen idealen Vernetzung der verschiedenen Lösungsfunktionalitäten und -techniken. Zudem soll u.a. der gesamte Kreislauf der Nährstoffe dokumentiert und ebenfalls optimiert werden. Da hierbei bereits die Düngung des Futters und dessen Ernte mit einbezogen werden soll, macht leider auch dieses Projekt wieder deutlich, dass die Daten nicht nur in dem eigentlich erkennbaren unmittelbaren Einsatzgebiet erhoben und nur dort verarbeitet werden sollen, sondern in vielen anderen weiteren Bereichen, u.a. der gesamten Wertschöpfungskette.

Bedarfsgerechter Futteranbau, vollautomatische Fütterung, automatisiertes Melken, direkter Daten-Anschluss an die gesamte weitere milchverarbeitende Industrie, bis hin zur digitalen Ansprache einzelner Kunden, mit ggf. individuell auf deren Verkaufswünsche erstellte Produkte.

Neben der durch die Digitalisierung unmittelbar und einfach erreichbaren Automatisierung und den daran anschließenden und keineswegs nur positiv zu bewertenden Quantitätsoptimierungen, liegt der (noch versteckte?) Fokus wohl auch hier wieder in der Erzeugung und Nutzung und Verkettung möglichst vieler verschiedenen Daten, die dann in möglichst vielen anderen Bereichen/Branchen „eingesetzt“ werden können. Im Grunde ist man nicht mehr weit entfernt von der perfekten Aussaat bis zur Auslieferung eines individuellen Milchproduktes für genau den einen Kunden. Produziert ganz nach dessen Wünschen, wann und wie er es will.

Die Bedenken dabei liegen auf der Hand und auf diese habe ich bereits mehrfach hingewiesen. Was das aber allein für das unmittelbare Tierwohl bedeuten kann, ist nicht schwer zu erkennen. Und was machen Landwirte*innen, wenn die niemals ausschließenden Probleme mit digitalen System auffangen? Von Strom oder ganzen Systemausfälle über einen längeren Zeitraum ganz zu schweigen? Wie will er das nicht verschiebbare Melken dann kurzfristig gewährleisten?

Eine volldigitalisierte Milchlandwirtschaft kann ohne die ganzen verschiedenen Anbieter der Technik, Soft- und Hardware nicht existieren. Kommt es zu einem Konflikt mit diesem, kann eine Umstellung auf alternative andere Anbieter im laufenden Betrieb praktisch so gut wie nicht stattfinden. Kurzfristige alternative Verfahren und Modelle und Plan-B Lösungen sind praktisch ausgeschlossen. Nicht der Landwirt ist der, der dann noch seinen Hof bewirtschaftet, sondern allein die Hersteller und Servicedienstleister der gesamten eingesetzten Technik.

Und worum geht es vielleicht wirklich? Nun, das könnte einfach sein:

Warum braucht man, wenn man diese Modelle konsequent weiterdenkt, überhaupt noch einen Landwirt oder eine Landwirtin? Sind die Milchhöfe erst einmal vollständig digitalisiert, kann praktisch jeder weltweite Investor sofort einem solchen Betrieb in kürzester Zeit nahezu an jeder Stelle und in jeder Größe errichten. Hallen mit mehreren Tausend Milchkühen? Gar kein Problem mehr, denn die Technik kann das schon heute. Ein weiteres Horrorszenario einer reinen weiteren Industrialisierung der Land- und Tierwirtschaft und sicherlich nicht der richtige Weg.

Ein nicht nur allein aus diesen Punkten heraus sehr kritisch zu beobachtendes Projekt, bei dem die wahren Ziele der Forschung (noch) nicht offenkundig sichtbar zu seien scheinen. Wer zudem nur einmal die gerade für die im Bereich der Milchwirtschaft in keinem Verhältnis zu den dort erzielbaren Umsätzen stehenden extrem hohen Investitionskosten berücksichtigt, weiß, dass diese wohl niemals zu erwirtschaften sein werden. Hinzu kommen sofortige und langfristig erheblich höhere laufende Kosten auf die Höfe zu, ohne dass dem eine ebenso schnelle und unmittelbare signifikante Steigerung der Quantität und Qualität gegenüber steht, die diese Kosten decken könnten. Wenn nicht alle Landwirte*innen nicht endlich faire Preise für ihre gesamten Produkte bekommen, insbsondere bei der Milch, ist ein solches Projekt, wenn überhaupt, nur aus rein wissenschaftlichen Gründen interessant. Mit der Realität der Höfe hat es nichts zu tun.

Es macht hier eher den Eindruck, dass es wieder einmal so ist, wie in anderen Bereichen einer digitalisierten Landwirtschaft auch, denn die einfache Frage lautet:

Womit bezahlt der Milchhof seine vielen neuen und höheren Rechnungen?

Genau: Mit Daten!

Quelle und weitere Infos; https://www.lfl.bayern.de/digimilch

Hier noch der link zu einem Bericht im BR Fernsehen zu dem Thema:

https://www.br.de/br-fernsehen/programmkalender/ausstrahlung-2302688.html

Klimakommissar Timmermanns will die Agrarreform so nicht akzeptieren

Klimakommissar Timmermanns will die Agrarreform so nicht akzeptieren

In meinem Beitrag vom 26.10.2020 hatte ich meine große persönliche Enttäuschung zu der von Landwirtschaftsministerin Klöckner als „Meilenstein“ bezeichneten Agrarreform geäußert und stand und stehe damit natürlich nicht alleine da. So haben z.B. nahezu alle Umweltorganisationen und -verbände laut ihren Unmut geäußert. Und dabei es doch noch viel schlimmer, als es zunächst den Eindruck macht.

Denn die angebliche Reform ist nicht nur negativ für den unbedingt notwendigen Kampf gegen das Artensterben und den Klimawandel, sondern sie wird in hohem Maße durch ihre Inhalte die Landwirte/innen unmittelbar weiter erheblich schwächen, denn die bereits heute klar erkennbaren Auswirkungen allein des Klimawandels treffen schließlich jeden einzelnen von Jahr zu Jahr wirtschaftlich immer härter. Und diese Entwicklung wird sich weiter verschlechtern und durch das fortschreitende Artensterben noch einmal verschärft.

Geradezu absurd ist jedoch, dass nicht nur die so groß angekündigten „Green Deal Ziele“ der EU nicht erreicht wurden, sondern durch die Beibehaltung der alten Voraussetzungen einer Ausschüttung der Fördergelder, weiterhin ausgerichtet (fast) nur an der Größe der Betriebe, die Zerstörung kleinerer und mittlerer landwirtschaftlicher Betriebe extrem zunehmen wird. Zudem wird sich diese negative Entwicklung mit immer größerer Geschwindigkeit fortsetzen, denn:

Bereits heute erhalten nur 20% der Landwirte/innen 80% der Fördergelder. Somit ist sehr leicht vorhersehbar, wann auf der einen Seite eine marktbeherrschende Situation eintreten wird, in der dann sicher sogar weniger als 10-20% der Großbetriebe weit mehr als 90% der landwirtschaftlichen Böden besitzen wird. Was das bedeutet, ist wohl jedem klar.

Klar ist auch, dass die Auswirkungen des Klimawandels die finanziell am härtesten treffen, die kleinere Betriebe haben. Und jetzt wird es geradezu abenteuerlich, denn jedes weitere Dürrejahr schwächt gerade und mit viel größeren Auswirkungen ebenfalls nur die kleineren Betriebe. Diese werden dann schon bald aufgeben müssen. Die Folge? Sie müssen ihr Land verkaufen. An wen? An die wenigen Großbetriebe… Diese werden dann also schon bald noch größer…und erhalten dann, dank der neuen „Reform“, noch mehr Geld von der EU. Die Abwärtsspirale dreht sich somit immer schneller.

Und wenn erst nahezu alle „Kleinen“ gekauft sind, werden die großen sich dann geschickt rechtlich „zusammenschließen“ oder sich untereinander „schlucken“. Dann haben wir auch hier schon bald wieder nur eine Handvoll international strukturierter Großkonzerne, die nicht nur bestimmen was wir wann und zu welchem Preis essen werden, sondern denen nicht nur theoretisch quasi das „Land“ gehört. In Zusammenhang mit den Saatgutmonopolisten und den schon bald drohenden (landwirtschaftlichen) Datenmonopolisten sind diese Konzerne dann ein gelebter Alptraum. Dagegen ist Orwells 1984 nur eine nette Geschichte.

Die angebliche „Reform“ der Agrarminister ist ein weiterer großer Sargnagel in dem Kampf gegen das Artensterben und den Klimawandel. Aber sie ist zudem das Todesurteil für die so wichtigen kleinbäuerlichen Strukturen und mittelbar auch das Aus für nachhaltige und ökologische Landwirtschaft.

Es bleibt zu hoffen, dass sich Timmermanns durchsetzt und diesem Versuch eines Greenwashings verhindern, kann, denn selbst, wenn wir den Klimawandel und das Artensterben noch stoppen können, wird die gesamte Landwirtschaft (und die Böden!) dann bereits in ein paar Jahren zu einer weiteren reinen Spekulationsware werden, ganz in der Hand von ausschließlich nach Profit strebenden internationalen Konzernen, Fonds oder ähnlichen Strukturen. Und diese allein bestimmen dann, wie unsere Ernährung aussehen wird. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass bei diesen Überlegungen die Umwelt, die Natur oder die ökologische Nachhaltigkeit eine Rolle spielen wird. Eher im Gegenteil.

Ihr wahres Gesicht zeigte Frau Klöckner übrigens bei Ihrer digital zugespielten Rede vor dem Deutschen Bauernverband, als sie dort sagte:

„Das sind Visionen, die die Kommission ausgegeben hat. Die zum Teil, ich versuche es freundlich auszudrücken, etwas über dem Acker schweben und zum Teil nicht sehr viel mit der Realität auf dem Acker zu tun haben.“

Es bleibt zu fragen, ob ihre Realität veielleicht einfach eine andere ist. Wie gut, dass wir Menschen wie Frau Klöckner haben, die den „Green Deal“ der gesamten EU einfach mal als reine „Vision“ bezeichnet und die nicht viel mit der Realität zu tun habe, und die sich dann auch noch rühmt, dass sie uns ihre großen Einsichten sogar extra noch „freundlich“ mitgeteilt hat. Wir können also wohl von Glück reden, dass sie uns ihre Erkenntnisse nicht in aller Härte mitgeteilt hat, denn dann wäre ihr Urteil zum Green Deal sicherlich sogar noch negativer ausgefallen.

Wenn diese unhaltbare und katastrophale Agrarreform in der vorliegenden Form Bestand hat, werden wir alle verlieren. Entweder unmittelbar durch das Fortschreiten des Artensterbens und dem Klimawandel oder, wenn wir diesen Kampf gewinnen, mittelbar durch den Verlust der landwirtschaftlichen Böden, der kleinen und mittelgroßen bäuerlichen Betriebe/Strukturen und der gesamten ökologisch-nachhaltigen Bestrebungen der EU aus dem geplanten Green Deal.

Das ist die Realität.

EU-Agrarminister scheitern erneut

EU-Agrarminister scheitern erneut

Die EU hat bekannt gegeben, dass sie unter der Leitung der deutschen Landwirtschaftsministerin Klöckner ein Ergebnis für die Verteilung der Fördergelder im Agrarbereich gefunden habe. Obwohl die EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen vor nur wenigen Wochen in vollmundigen Worten den Wechsel der EU hin zu einem „echten Green Deal“ bekanntgegeben hat, ist davon schon jetzt praktisch (und wieder einmal) nichts mehr übrig geblieben. Sollte so nach den großen Ankündigungen bis 2030 erreicht werden, dass 50% weniger Pestizide und mindestens 20% weniger Düngemittel eingesetzt werden und der ökologische Anbau einen Anteil von 25% haben solle, ist davon keine Rede mehr. Und das Schlimmste kommt noch:

Von den fast 380 Mrd. EUR EU-Fördermittel für den Agrarbereich sollen bis 2027 weiterhin 80% eine reine Flächenprämie bleiben. Einzig 20% sollen an Umweltleistungen geknüpft werden (und selbst das ist nicht eindeutig)

Es macht den Anschein, dass in Brüssel entweder die weltweiten Informationen über den Klimawandel, das Artensterben und den längst notwendigen Systemwandel in der Land- und Tierwirtschaft nicht angekommen sind, nicht verstanden werden (wollen) oder aber weiterhin nur die großen Grundbesitzer „zu sagen haben“, was für uns alle „besser“ ist. Immer weniger von diesen besitzen immer mehr Land und die meisten sind nicht einmal mehr Landwirte/innen.

Die Vereinbarung gilt bis 2027. Spätestens dann werden wir wahrscheinlich weitere 50% oder sogar noch mehr von den bäuerlichen Betrieben in Deutschland verloren haben, denn schon in der Zeit von 1999 bis 2016 hatte sich die Zahl der Betriebe bereits von ca. 470.000 auf rund 275.000 reduziert. (Quelle: Statistisches Bundesamt)

Wobei man sich auch die Frage stellen kann, ob wir aufgrund des Klimawandels in 7 Jahren überhaupt noch eine Landwirtschaft, wie wir sie heute kennen, haben werden. Sehr wahrscheinlich nicht.  

Also weitere 7 Jahre ohne die absolut wichtigen Änderungen im gesamten Agrarsystem vorzunehmen. Stattdessen machen wir einfach weiter wie bisher. Und verkauft wird das auch noch als Erfolg.

Eine weitere Bankrotterklärung und eine Katastrophe für unsere Welt in der weiterhin wohl nur die wirtschaftlichen Interessen zählen, selbst dann sogar noch, wenn die gesamte Menschheit vor dem sicheren Klimacrash steht.

Wir steuern schon heute mit zu hoher Geschwindigkeit direkt auf die Mauer zu und was machen die Agrarminister der EU? Sie geben einfach noch mehr Gas.