Klimakommissar Timmermanns will die Agrarreform so nicht akzeptieren

Klimakommissar Timmermanns will die Agrarreform so nicht akzeptieren

In meinem Beitrag vom 26.10.2020 hatte ich meine große persönliche Enttäuschung zu der von Landwirtschaftsministerin Klöckner als „Meilenstein“ bezeichneten Agrarreform geäußert und stand und stehe damit natürlich nicht alleine da. So haben z.B. nahezu alle Umweltorganisationen und -verbände laut ihren Unmut geäußert. Und dabei es doch noch viel schlimmer, als es zunächst den Eindruck macht.

Denn die angebliche Reform ist nicht nur negativ für den unbedingt notwendigen Kampf gegen das Artensterben und den Klimawandel, sondern sie wird in hohem Maße durch ihre Inhalte die Landwirte/innen unmittelbar weiter erheblich schwächen, denn die bereits heute klar erkennbaren Auswirkungen allein des Klimawandels treffen schließlich jeden einzelnen von Jahr zu Jahr wirtschaftlich immer härter. Und diese Entwicklung wird sich weiter verschlechtern und durch das fortschreitende Artensterben noch einmal verschärft.

Geradezu absurd ist jedoch, dass nicht nur die so groß angekündigten „Green Deal Ziele“ der EU nicht erreicht wurden, sondern durch die Beibehaltung der alten Voraussetzungen einer Ausschüttung der Fördergelder, weiterhin ausgerichtet (fast) nur an der Größe der Betriebe, die Zerstörung kleinerer und mittlerer landwirtschaftlicher Betriebe extrem zunehmen wird. Zudem wird sich diese negative Entwicklung mit immer größerer Geschwindigkeit fortsetzen, denn:

Bereits heute erhalten nur 20% der Landwirte/innen 80% der Fördergelder. Somit ist sehr leicht vorhersehbar, wann auf der einen Seite eine marktbeherrschende Situation eintreten wird, in der dann sicher sogar weniger als 10-20% der Großbetriebe weit mehr als 90% der landwirtschaftlichen Böden besitzen wird. Was das bedeutet, ist wohl jedem klar.

Klar ist auch, dass die Auswirkungen des Klimawandels die finanziell am härtesten treffen, die kleinere Betriebe haben. Und jetzt wird es geradezu abenteuerlich, denn jedes weitere Dürrejahr schwächt gerade und mit viel größeren Auswirkungen ebenfalls nur die kleineren Betriebe. Diese werden dann schon bald aufgeben müssen. Die Folge? Sie müssen ihr Land verkaufen. An wen? An die wenigen Großbetriebe… Diese werden dann also schon bald noch größer…und erhalten dann, dank der neuen „Reform“, noch mehr Geld von der EU. Die Abwärtsspirale dreht sich somit immer schneller.

Und wenn erst nahezu alle „Kleinen“ gekauft sind, werden die großen sich dann geschickt rechtlich „zusammenschließen“ oder sich untereinander „schlucken“. Dann haben wir auch hier schon bald wieder nur eine Handvoll international strukturierter Großkonzerne, die nicht nur bestimmen was wir wann und zu welchem Preis essen werden, sondern denen nicht nur theoretisch quasi das „Land“ gehört. In Zusammenhang mit den Saatgutmonopolisten und den schon bald drohenden (landwirtschaftlichen) Datenmonopolisten sind diese Konzerne dann ein gelebter Alptraum. Dagegen ist Orwells 1984 nur eine nette Geschichte.

Die angebliche „Reform“ der Agrarminister ist ein weiterer großer Sargnagel in dem Kampf gegen das Artensterben und den Klimawandel. Aber sie ist zudem das Todesurteil für die so wichtigen kleinbäuerlichen Strukturen und mittelbar auch das Aus für nachhaltige und ökologische Landwirtschaft.

Es bleibt zu hoffen, dass sich Timmermanns durchsetzt und diesem Versuch eines Greenwashings verhindern, kann, denn selbst, wenn wir den Klimawandel und das Artensterben noch stoppen können, wird die gesamte Landwirtschaft (und die Böden!) dann bereits in ein paar Jahren zu einer weiteren reinen Spekulationsware werden, ganz in der Hand von ausschließlich nach Profit strebenden internationalen Konzernen, Fonds oder ähnlichen Strukturen. Und diese allein bestimmen dann, wie unsere Ernährung aussehen wird. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass bei diesen Überlegungen die Umwelt, die Natur oder die ökologische Nachhaltigkeit eine Rolle spielen wird. Eher im Gegenteil.

Ihr wahres Gesicht zeigte Frau Klöckner übrigens bei Ihrer digital zugespielten Rede vor dem Deutschen Bauernverband, als sie dort sagte:

„Das sind Visionen, die die Kommission ausgegeben hat. Die zum Teil, ich versuche es freundlich auszudrücken, etwas über dem Acker schweben und zum Teil nicht sehr viel mit der Realität auf dem Acker zu tun haben.“

Es bleibt zu fragen, ob ihre Realität veielleicht einfach eine andere ist. Wie gut, dass wir Menschen wie Frau Klöckner haben, die den „Green Deal“ der gesamten EU einfach mal als reine „Vision“ bezeichnet und die nicht viel mit der Realität zu tun habe, und die sich dann auch noch rühmt, dass sie uns ihre großen Einsichten sogar extra noch „freundlich“ mitgeteilt hat. Wir können also wohl von Glück reden, dass sie uns ihre Erkenntnisse nicht in aller Härte mitgeteilt hat, denn dann wäre ihr Urteil zum Green Deal sicherlich sogar noch negativer ausgefallen.

Wenn diese unhaltbare und katastrophale Agrarreform in der vorliegenden Form Bestand hat, werden wir alle verlieren. Entweder unmittelbar durch das Fortschreiten des Artensterbens und dem Klimawandel oder, wenn wir diesen Kampf gewinnen, mittelbar durch den Verlust der landwirtschaftlichen Böden, der kleinen und mittelgroßen bäuerlichen Betriebe/Strukturen und der gesamten ökologisch-nachhaltigen Bestrebungen der EU aus dem geplanten Green Deal.

Das ist die Realität.

EU-Agrarminister scheitern erneut

EU-Agrarminister scheitern erneut

Die EU hat bekannt gegeben, dass sie unter der Leitung der deutschen Landwirtschaftsministerin Klöckner ein Ergebnis für die Verteilung der Fördergelder im Agrarbereich gefunden habe. Obwohl die EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen vor nur wenigen Wochen in vollmundigen Worten den Wechsel der EU hin zu einem „echten Green Deal“ bekanntgegeben hat, ist davon schon jetzt praktisch (und wieder einmal) nichts mehr übrig geblieben. Sollte so nach den großen Ankündigungen bis 2030 erreicht werden, dass 50% weniger Pestizide und mindestens 20% weniger Düngemittel eingesetzt werden und der ökologische Anbau einen Anteil von 25% haben solle, ist davon keine Rede mehr. Und das Schlimmste kommt noch:

Von den fast 380 Mrd. EUR EU-Fördermittel für den Agrarbereich sollen bis 2027 weiterhin 80% eine reine Flächenprämie bleiben. Einzig 20% sollen an Umweltleistungen geknüpft werden (und selbst das ist nicht eindeutig)

Es macht den Anschein, dass in Brüssel entweder die weltweiten Informationen über den Klimawandel, das Artensterben und den längst notwendigen Systemwandel in der Land- und Tierwirtschaft nicht angekommen sind, nicht verstanden werden (wollen) oder aber weiterhin nur die großen Grundbesitzer „zu sagen haben“, was für uns alle „besser“ ist. Immer weniger von diesen besitzen immer mehr Land und die meisten sind nicht einmal mehr Landwirte/innen.

Die Vereinbarung gilt bis 2027. Spätestens dann werden wir wahrscheinlich weitere 50% oder sogar noch mehr von den bäuerlichen Betrieben in Deutschland verloren haben, denn schon in der Zeit von 1999 bis 2016 hatte sich die Zahl der Betriebe bereits von ca. 470.000 auf rund 275.000 reduziert. (Quelle: Statistisches Bundesamt)

Wobei man sich auch die Frage stellen kann, ob wir aufgrund des Klimawandels in 7 Jahren überhaupt noch eine Landwirtschaft, wie wir sie heute kennen, haben werden. Sehr wahrscheinlich nicht.  

Also weitere 7 Jahre ohne die absolut wichtigen Änderungen im gesamten Agrarsystem vorzunehmen. Stattdessen machen wir einfach weiter wie bisher. Und verkauft wird das auch noch als Erfolg.

Eine weitere Bankrotterklärung und eine Katastrophe für unsere Welt in der weiterhin wohl nur die wirtschaftlichen Interessen zählen, selbst dann sogar noch, wenn die gesamte Menschheit vor dem sicheren Klimacrash steht.

Wir steuern schon heute mit zu hoher Geschwindigkeit direkt auf die Mauer zu und was machen die Agrarminister der EU? Sie geben einfach noch mehr Gas.