Lange/Santarius: Smarte grüne Welt?

Lange/Santarius: Smarte grüne Welt?

Das 2018 erschienene und u.a. vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Buch stellt einen großartigen Einstieg in die Frage dar, ob eine „Smarte grüne Welt“ wirklich das Ziel und die einzige Lösung darstellt.  Welche Probleme müssen dabei unbedingt mit berücksichtigt und bedacht werden? Ja, es geht auch um viele weitergehende Fragen, so u.a. darum, wie eine Digitalisierung unser individuelles Konsumverhalten und das Thema der Nachhaltigkeit beeinflusst und welche Gefahren z.B. aufgrund der immer größer werdenden Datenmengen und einer ggf. drohenden Überwachung zu bedenken sind. Werden zudem wirklich alle Menschen von einer Digitalisierung profitieren und wird die Gefahr der Bildung einiger neuer Machtmonopole nicht sogar steigen? Welche Auswirkungen, insbesondere ökologische und soziale, haben die neuen digitalen Prozesse und Strukturen auf unser gesamtes Leben und auf unsere Umwelt und die Natur? Und wird es nicht die ganzen bestehenden Ungleichheiten in vielen Bereichen weltweit eher noch verschärfen?

Die beiden Autoren, der promovierte Volkswirt Steffen Lange und der Professor für Sozial-Ökologische Transformation und Nachhaltige Digitalisierung an der TU Berlin, Tilman Santarius, sind ausgewiesene Experten auf dem Gebiet und schaffen es problemlos auch komplexere wissenschaftliche Zusammenhänge leicht verständlich und sehr gut lesbar darzustellen. Das größte Lob kann man dem Autorenteam dafür aussprechen, dass sie es schaffen, bei der gerade überall gepuschten Digitalisierung niemals den so unheimlich wichtigen kritischen Blick zu verlieren. Sie räumen u.a. gleich mit mehreren der Digitalisierung zu Unrecht „unterstellten“ positiven Auswirkungen auf und begründen dies in immer nachvollziehbarere Art und Weise, unterstützt durch eine Vielzahl wissenschaftlicher Studien und deren Ergebnisse. Gerade die diesem Themenbereich anhaftende große Komplexität ist es, die bei diesem möglichen Weg eine Neugestaltung nahezu jedes Bereichs unseres Lebens die größten Risiken häufig nicht mehr sichtbar werden lässt.

Das Buch macht deutlich, was auch jeder Bio-Betrieb wissen sollte: Die Digitalisierung ist nur ein Instrument, nicht mehr und nicht weniger. Es kann, richtig eingesetzt, positive Auswirkungen haben. Es kann aber auch große Risiken erzeugen und Betriebe in eine deren Existenz bedrohende Abhängigkeit führen.

Kritik?

Ja, der Bereich des Themas Datenschutz hätte meiner Ansicht nach etwas ausführlicher ausgestaltet werden können. Diese Kürze ist an einigen anderen Stellen auch so zu finden und ist bei genauer Betrachtung sogar ein Pluspunkt, denn wenn die Autoren hier jeweils mehr geschrieben hätten, was sie aufgrund ihrer Expertise ohne Zweifel hätte tun können, wäre das Buch nicht nur rund 200, sondern sicherlich mehr als 400 Seiten stark geworden und das hätte dazu geführt, dass vielleicht einige Leser*innen das Werk nicht so gerne kaufen würden. Wir alle kennen das: Je mehr Seiten, je mehr Details, desto mehr kann der große Umfang dann sogar abschreckend wirken. Zudem sind die Themenschwerpunkte perfekt gewählt und für die Leser*innen, die sich weiter und tiefer in die Materie einlesen wollen, gibt es ein umfangreiches Literaturverzeichnis und eine Liste mit wirklich sehr guten weiterführenden Anmerkungen/Verweisen.

Fazit:

Ein sehr gutes und sehr wichtiges Buch mit hervorragend ausgewählten Inhaltsschwerpunkten, trotz oder gerade wegen der zum Teil eher kürzeren Einzeldarstellung. Unbedingt empfehlenswert!

Steffen Lange, Tilman Santarius, „Smarte Grüne Welt?“, oekom verlag München, 2018, 15,00 EUR (D)

Siehe auch: https://www.oekom.de/buch/smarte-gruene-welt-9783962380205

Franzen: Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen?

Franzen: Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen?

Der 1959 geborene Autor zahlreicher Roman-Bestseller, so u.a. „Die Korrekturen“, hat nicht nur viele Literatur-Preise erhalten und ist Mitglied mehrerer Literatur- und Kunst Akademien, sondern hat auch 2015 den EuroNatur-Preis für seinen Einsatz zum Schutz der Wildvögel bekommen. Diese zweite Leidenschaft führte schließlich dazu, dass er in einem Essay in der der Zeitschrift „The New Yorker“ seine Ansichten zum Klimawandel veröffentlichte, der zu wirklichen unglaublichen Folgen führte.

Nachdem ihm dafür eine extreme Kritik entgegengebracht wurde, nutzte er in einem zweiten Essay im Jahr 2017 die Möglichkeit, seine nach seiner Ansicht nach zum Teil falsch verstanden Argumente noch einmal klarer darzustellen. Mit nur mäßigem Erfolg.

Durch die weltweiten Bewegungen, u.a. sicherlich die Fridays for Future Bewegung, gelangten die Themen wieder in den Fokus der Öffentlichkeit. Franzen legte daher am 08. September 2019 mit einem weiteren Essay im New Yorker nach. In diesem schilderte er in harten Worten die Aussichtslosigkeit der Versuche, den Klimawandel noch verhindern zu wollen. Und der Sturm der Empörung war noch größer als bei den beiden anderen Veröffentlichungen.

Dieses Essay wird in diesem kleinen weniger als 60 Seiten starken Buches ergänzt durch ein persönliches Vorwort des Autors und einem Gespräch, das dieser mit Wieland Freund führte und das in der Originalfassung (die hier im Werk wiedergegebene wurde vom Autor nachträglich an einigen Stellen angepasst) am 26.07.2019 in der „Literarischen Welt“ erschien.

Hat Franzen recht?

Vielleicht sollten wir die Frage anders stellen? Haben wir nicht mehr Angst davor, dass er recht haben könnte und wehren uns weiterhin gegen alle Fakten?

Ich weiß nicht, ob Franzen in Bezug auf den Klimawandel recht hat. Für mich gibt es aber dennoch nur den Weg des täglichen Kampfes gegen den Klimawandel, sicherlich geprägt durch eine menschlich nachvollziehbare Hoffnung, das alles erreichen noch zu können und zu müssen.

Was wäre denn die Alternative?

Franzen gibt natürlich auch Fakten wieder, die seine Thesen unterstützen, denn weder sind die Folgen und die Ursachen des Klimawandels neu (im Gegenteil!) noch sind aktuell weltweit wirklich die längst erforderliche Einleitung massiver Schritte und Maßnahmen erkennbar. Ja, die Anzahl der Absichtserklärungen nehmen in dem Maße zu, wie die Dauer, in der man diese angeblich doch noch erreichen will. Aber haben wir diese zum Teil absurd langen Zeitspannen von mehreren Jahrzehnten denn überhaupt noch?

Zeigt nicht die Coronakrise deutlich, dass nicht einmal ein bis vor kurzem noch absolut unvorstellbarer Lock-Down ausreicht, um unsere Klimaziele in Deutschland erreichen zu können? Wenn das stimmt, was sollen wir denn dann überhaupt noch machen (können), um diese jemals erreichen zu können? Zeigen die Auswirkungen der bislang in der Menschheit noch nie dagewesenen weltweiten Einschränkungen und dem Herunterfahren ganzer Volkswirtschaften, dass Franzen recht haben könnte?

Ich habe die Intentionen des Autors zudem im Wesentlichen zum Teil auch etwas anders verstanden.

Ich habe den Schwerpunkt, seinen Schwerpunkt, darin gesehen, dass er primär auf das (noch abwendbare) Artensterben hinweisen möchte und zwar in zwei Arten, die ich voll unterstützen möchte.

Zum einen geriet das Artensterben bei dem positiv zu wertenden neuen Interesse für den Klimawandel ein wenig in einen Hintergrund, so wie beide nun im Rahmen der Coronakrise hinter dieser unterzugehen drohen, und zum anderen zeigt er mehrfach auf, dass der Kampf gegen das Artensterben noch gewonnen werden kann und ein Sieg hier auch den Kampf gegen den Klimawandel unterstützt. Er macht deutlich, dass es nicht nur gefährlich ist, den Klimawandel nicht ernst zu nehmen (oder zu leugnen), sondern das Artensterben und die dort noch gegebenen Änderungsmöglichkeiten zu vergessen.

Ein Zitat macht seine Gesamtintention vielleicht deutlich (Seite 38/39):

„Schneller, als wie alle glauben möchten, könnte eine Zeit kommen, da die Systeme der industriellen Landwirtschaft und des Welthandels zusammenbrechen und es mehr Menschen ohne als mit Dach über dem Kopf geben wird. Dann werden Begriffe wie „ökologische, regionale Landwirtschaft und „starke Gemeinschaften“ keine hohlen Schlagwörter mehr sein. Freundlichkeit gegenüber dem Nächsten und Achtsamkeit gegenüber der Umwelt – Förderung gesunder Böden, ein vernünftiger Umgang mit Wasser, Schutz von Bienen und anderen Bestäuberinsekten – werden in einer Krise und in jeder Gesellschaft, die sie übersteht, wesentliche Bedeutung erlangen.“

Ich kenne Franzen persönlich nicht, aber ich bin mir sicher, dass auch er froh sein wird, wenn die Menschheit den Kampf doch noch gewinnt.

Ein Buch, das provoziert und dies wohl auch will. Wenn sich aber Menschen nach dem Lesen dazu entschließen, sich dem Kampf gegen den Klimawandel UND das Artensterben zu stellen, hat es seinen Dienst getan.

Daher sollte man dieses kleine Werk lesen und danach seine persönlichen Schlüsse für eine gemeinsame Zukunft daraus ziehen.

Jonathan Franzen: Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen?, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 4.Auflage 2020, 8,00 EUR.