Digitalisierung ist nur ein Werkzeug -Teil 2

Digitalisierung ist nur ein Werkzeug -Teil 2

In meinem Beitrag vom 02.05.21 hatte ich damit begonnen das Thema der „Digitalisierung“ kritisch zu hinterfragen. Heute möchte ich mich mit weiteren Aspekten des überall zu hörenden Rufs nach „DER Digitalisierung“ weiter auseinandersetzen. Wie schon gesagt, gibt es meiner Meinung nach keine Digitalisierung als solche. Es gibt auch nicht nur eine Aufgabe, die damit gelöst werden soll, denn eine Digitalisierung macht nur in ihren konkreten Erscheinungsformen und individuellen Einsatzgebieten Sinn, und zudem nur dann, wenn dabei alle sozialen und ökonomischen Umgestaltungen mitberücksichtigt werden.

Hierzu gehört insbesondere unsere individuelle Art zu leben, denn, da dürfen wir uns nichts vormachen, wir Menschen allein sind für den aktuellen katastrophalen Zustand der Welt insgesamt verantwortlich. Daher müssen wir alle sämtliche Bereiche unserer Gesellschaft, unseres eigenen persönlichen Lebens und insbesondere auch unseres Konsums prüfen, kritisch überdenken und ggf. radikal ändern.

Es wär sicher ratsamer eher von einer notwendigen gerechten sozial-ökonomisch-ökologischen Transformation zu sprechen. Nur wenn wir diese Bereiche insgesamt beachten, können wir die Risiken verringern, die entstehen, wenn wir Digitalisierungsmöglichkeiten einsetzen, um nur noch mehr und noch billiger zu produzieren und damit auch noch mehr zu konsumieren. Gerade in der Landwirtschaft gibt es nicht wenige Menschen, die die Chance wittern durch Digitalisierungen möglichst vieler Bereiche noch mehr Erträge zu erwirtschaften. Natürlich immer unter dem so tollen Deckmantel einer „nur der Ökologie dienenden Digitalisierung“.

Vollautomatische, digitalisierte Ställe mit bis zu 10.000 Kühen oder 25.000 Schweinen und praktisch kaum noch zahlenmäßig beschränkte Mengen im Geflügelbereich, lassen gedanklich schon die Kassen derer klingeln, die lieber heute als morgen ihre „Zuchtbetriebe der Zukunft“ hinter hohen Mauern quasi geheim und autark betreiben zu können. Ein ebenfalls automatisiertes Schlachtsystem, und schon wird der Traum mancher sonderbaren „Fleischfabrikanten“ Realität.

Aber auch in der Landwirtschaft gibt es solche Phantasien: Kleine Roboter, die 24/7 und ohne Pause das Unkraut jäten. Warum Menschen beschäftigen? Da werden doch Träume einiger Großgrundbesitzer wahr, denn Maschinen haben zudem ja nicht einmal Rechte…und bilden keine Betriebsräte…sind nicht krank und arbeiten ohne sich zu beschweren praktisch 24 Stunden am Tag und 365 Tage die Woche. Und wenn Sie nicht mehr „funktionieren“? Dann entsorgt man sie einfach und besorgt sich neue…

Ich bin der Ansicht, dass ohne eine absolute soziale Gerechtigkeit (national UND international) Digitalisierungsmaßnahmen in nahezu allen Erscheinungsformen bereits mittelbar keinen Erfolg haben können.  

Und überhaupt:

Wer soll sich das alles eigentlich leisten können? Selbst in Deutschland sind wohl nur große land- und viehwirtschaftliche Betriebe in der Lage sich diese Digitalisierungsprozesse zu leisten. Kleinere sind dazu nicht in der Lage. Die Folge: Die großen werden noch mächtiger.

Und wie sollen dann erst ärmere Länder da noch mitkommen, wettbewerbsfähig bleiben oder werden?

Es besteht hier die große Gefahr, dass die reichen Länder die armen noch weiter abhängen werden. Und das ist bei Weitem nicht alles, denn einen Digitalisierungsvorsprung können die armen Länder ab einem gewissen Punkt nicht mehr einholen. Was das im Extremfall bedeuten kann ist wohl klar: Eine drohende Massenfluchten und viele kriegerische Auseinandersetzungen, weltweit.

Es stellt sich daher, ohne damit gleich in einer der Ideologie-Schubladen gedrückt zu werden, die Frage, ob unser derzeitiger Blick auf ein „Wirtschaftswachstum“ überhaupt noch der Realität entsprechen kann.

Im Übrigen spielen hier die Bereiche, die durch Digitalisierungsmaßnahmen ja eigentlich positiv beeinflusst werden sollen, also der Kampf gegen den Klimawandel und das Artensterben, noch einmal mit hinein. Leider wieder zum Nachteil der kleineren Betriebe und der ärmeren Länder.

Nachhaltigkeit wird, wie das unternehmerisch gerade so weit verbreitete Green-Washing lieber als Marketingwerkzeug eingesetzt, statt es auch nur ansatzweise wirklich ökonomisch zu leben.

Zwischenfazit:

Eine Digitalisierung in einzelnen Bereichen, Prozessen oder Verfahren, kann zum Nutzen der Umwelt und der Menschen eingesetzt werden. Oder dazu, die eigenen wirtschaftlichen Interessen weiter in der Vordergrund zu stellen, auf Kosten der Umwelt und der Menschen. Gibt es keine sozial-gerechte Umsetzung, national und international, werden viele der möglichen Maßnahmen dazu führen, das das Gefälle zwischen den reichen und armen Ländern sich noch weiter steigern wird und die armen Länder sogar für immer abgehängt sein werden, denn eine „Nach-Digitalisierung“ ist nicht nur aus finanziellen Hintergründen ab einem gewissen Punkt praktisch unmöglich.

Selbst in Deutschland wird eine „Digitalisierung“ in der Landwirtschaft und der Viehhaltung dazu führen, dass noch mehr kleinere und mittlere Betriebe aufgeben werden müssen. Mit vielen katastrophalen Folgen.  Wo wird es dann nur noch weniger Große geben, denen immer mehr Land gehören wird, das mittlerweile zu einem wichtigen Spekulationsobjekt geworden ist und d8e Preis in einigen Regionen bereits in unerreichbare Höhen getrieben hat.

Da aber u.a. durch die noch immer im Wesentlichen allein an die Größe gebundenen Förderungen der EU dies für viele reine Spekulanten immer interessanter macht, kommen hier weitere Probleme auf uns alle zu: Nur eine Handvoll großer Betriebe (national und international) beherrschten den Markt, besitzen die Böden und haben die Mittel, um die ständigen Investitionen in die Digitalisierungen weiter zu stemmen.

Utopie? Schwarzmalerei? Leider nicht!

Sehen Sie sich die Lebensmittelbranche an, die Saatguthersteller oder die Düngemittelhersteller…ach so: Übrigens genau diese sind an der Digitalisierung der Landwirtschaft am meisten interessiert…und bereits beteiligt.

Aber das werde ich im nächsten Teil besprechen, neben dem Aspekt, was eine Digitalisierung eigentlich für den Energiemarkt und die Umwelt bedeutet und ob wir hier nicht ganz andere Fragen stellen müssen, anstatt wie Ratten dem Flötenspieler hinterherzurennen…Sie wissen, wie die Sage ausgeht. Entscheiden Sie nun selbst, wer die Ratten und wer der Rattenfänger ist…

Interessanter Videobeitrag zum Thema: Digital Farming

Interessanter Videobeitrag zum Thema: Digital Farming

Im Rahmen der Sendung „Unser Land“ des Bayerischen Rundfunks, werden ein paar Farmroboter etwas näher vorgestellt. Neben der Bewertung im Rahmen der vorgestellten Testphase, geht der Beitrag zumindest zum Teil auch auf Probleme ein. Wenn und soweit angeführt wird, dass diese Lösungen Wege auch für kleinere landirtschaftliche Betriebe darstellen sollen (inkl. kuzer Wirtschaftlichkeitsrechnung, inkl. Fördergelder) ist dies so allein nicht überzeugend. Dennoch ein sehenswerter Beitrag.

https://www.br.de/br-fernsehen/sendungen/unser-land/index.html

Hier ein weiterer Beitrag, den der BR vor einem Jahr gesendet hat:

Digitalisierung ist nur ein Werkzeug -Teil 2

Digitalisierung ist nur ein Werkzeug! Teil 1

Immer wieder werde ich gefragt, ob die Digitalisierung in der Bio-Branche und insbesondere der Bio-Vieh- und Landwirtschaft sinnvoll und erforderlich ist.

Nun, ich könnte die juristische Standardantwort geben: „Kommt darauf an!“ und mich damit irgendwie aus der persönlichen Verantwortung ziehen. Das möchte ich aber nicht. Im Gegenteil.

Schon die Frage wird den eigentlichen Problemen nicht gerecht, denn eines muss uns klar sein: Wir reden hier von einem höchst komplexen und komplizierten Bereich, in dem aktuell lediglich und vorrangig unglaublich viel Nicht-Wissen auf gigantische wirtschaftliche Wachstumschancen in einigen Branchen zu treffen scheint.

Ich möchte in einer hier nun gestarteten neuen Reihe von Beiträgen zu diesem Thema versuchen, Ihnen in immer weiter fortgesetzten Teilen die wichtigsten Punkte aus technischer, ökonomischer aber insbesondere ökologischer, gesellschaftlicher und sozialer Sicht und deren jeweiligen rechtliche Bewertungen (inkl. entsprechender Risikoanalysen) aufzeigen.

Ein wichtiger Grund für diese Form der Herangehensweise ist der, dass heute bereits die Dynamik in diesem, und in allen damit unmittelbar oder mittelbar in Verbindung stehenden weiteren Bereichen, extrem hoch ist. Ein Textbeitrag, der alle Fragen, Probleme und Risiken aufzeigt, erörtert und beantwortet, ist daher bereits dem Grunde nach unmöglich und nicht nur wegen des unglaublichen Umfangs praktisch wertlos.

Wichtig ist, dass heute immer mehr und schneller zu beachtende neue Informationen, technische Entwicklungen, gesetzliche Vorgaben, Urteile auf nationaler und europäischer Ebene oder auch zahlreiche Innovationen auftreten und daher selbst ein fortlaufender Blog wie dieser schneller als erwartet schon wieder „überholt“ sein kann. Aus diesem Grund habe ich übrigens mein e-book nicht mehr aktualisiert, denn bei z.B. nur etwas mehr als 1-2 Monaten Bearbeitungszeit, konnte ich eigentlich in vielen Bereichen schon wieder von vorne beginnen.   

Also, lassen Sie uns beginnen. Und eines gleich mal klar und deutlich gesagt:

Es gibt bereits keine „Digitalisierung“ als solche und sie kann selbst gar keine Lösung oder auch nur einen halbwegs klaren oder nachvollziehbaren Weg darstellen. Sie war und ist nur ein „Werkzeug“, bei dem aber man nicht einmal weiß, um welches es sich eigentlich handelt. Und schon gar, wie man es einsetzen kann, soll und muss.

Oder noch einfacher ausgedrückt:

Wer eine Digitalisierung als die Lösung von Problemen angibt, hat nichts, aber auch gar nichts verstanden. Oder er kommt aus der Wirtschaft und verdient mit einer solchen Empfehlung sein Geld.  

Dieses ganze Gerede von der großen „disruptiven Revolution“, der „Änderung der Welt in allen Bereichen“, ist so erst einmal nicht mehr als reines Marketinggeschwätz! Nahezu völlig sinnlos und gefährlich dazu.

Ja, die Digitalisierung wird voranschreiten, was sie übrigens schon seit Jahrzehnten macht, ohne dass nun alle auf diesen „hippen Zug“ aufspringen. Und ja, es kann einige wenige (!) Bereiche und Einsatzgebiete geben, in der eine spezifizierte Digitalisierung einzelner Prozesse, Verfahren (-schritte), Strukturen oder Teilen wirklich Sinn machen kann (aber ggf. nicht einmal muss!) oder sogar unbedingt notwendig ist.

Wer aber nicht einmal weiß, welches Werkzeug er in welcher Ausführung hat oder braucht, wer nicht weiß, ob er einen Nagel in die Wand hauen oder eine Mutter lösen muss, sollte sich vielleicht erst einmal fragen was er WIRKLICH braucht (und ich werde zeigen, dass allein diese Frage schwerer zu beantworten ist, als das viele glauben wollen).

Er muss sich fragen, was er tatsächlich umsetzen und erreichen will. Er muss offen zu sich sein, und sich zudem fragen, welche Vor-, Nachteile und Risiken das für ihn, die Gesellschaft, die Menschheit und die Umwelt mit sich bringen kann und ob der Kosten-Nutzen-Faktor für diese alle wirklich positiv ausfällt usw. Und dann, aber erst dann, kann er zu überlegen beginnen, welches Werkzeug er wirklich braucht, wann, wo, wie lange und ob es ein digitales sein soll oder muss… Das sind viele, sehr viele Fragen, warum wohl auch klar sein wird, dass es keine EINE Antwort gibt. Und die Antwort „Digitalisierung“ ist ganz sicher keine…

Und seien wir ehrlich und belügen uns nicht noch weiter:

Wenn man die gesamten ökologischen und sozialen Aspekte mit berücksichtigt, die Chancen und Risiken wirklich vollumfänglich aufzeigt, wird es für die Bio-Branche und die Bio-, Land-, Forst- und Viehwirtschaft schwierig oder sogar existenziell gefährdend.

Die Zukunft der Menschheit hängt ganz sicher nicht von einer wie auch immer gearteten Digitalisierung ab. In einigen sehr wenigen Bereichen kann eine Unterstützung durch einzelne sehr genaue, kritisch durchdachte und ehrlich und offen geprüfte unterstützenden Digitalisierungsmaßnahmen besser gestaltet werden. Nicht mehr und nicht weniger. In anderen ist eine Digitalisierung vielleicht aber das größte Risiko und muss dort daher unbedingt unterbleiben.

Die Biobranche und insbesondere die Bio-, Land-, Forst- und Viehwirtschaft hat eine große Verantwortung für die beiden aktuell größten Probleme der Menschheit:

Das Artensterben und den Klimawandel.

Und ja, in einigen wenigen Bereichen können uns vielleicht digitale Unterstützungsmaßnahmen bei diesem Kampf helfen.

Aber eher sanft statt disruptiv, eher sehr bedacht und immer mit einem sehr kritischen und genauen Blick auf die ganzen notwendigen nachhaltigen, maßvollen, menschlichen und ökologischen Teilbeiträge.

Nur dann können diese zu einer echten positiven Unterstützung der unglaublich komplexen Lösungen der beiden wichtigsten und größten Aufgaben der Menschheit etwas beitragen.

Mehr jedoch ganz sicher nicht.

Scheitern wir daran, scheitert die Menschheit.

Teil 2 folgt in wenigen Tagen

Lange/Santarius: Smarte grüne Welt?

Lange/Santarius: Smarte grüne Welt?

Das 2018 erschienene und u.a. vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Buch stellt einen großartigen Einstieg in die Frage dar, ob eine „Smarte grüne Welt“ wirklich das Ziel und die einzige Lösung darstellt.  Welche Probleme müssen dabei unbedingt mit berücksichtigt und bedacht werden? Ja, es geht auch um viele weitergehende Fragen, so u.a. darum, wie eine Digitalisierung unser individuelles Konsumverhalten und das Thema der Nachhaltigkeit beeinflusst und welche Gefahren z.B. aufgrund der immer größer werdenden Datenmengen und einer ggf. drohenden Überwachung zu bedenken sind. Werden zudem wirklich alle Menschen von einer Digitalisierung profitieren und wird die Gefahr der Bildung einiger neuer Machtmonopole nicht sogar steigen? Welche Auswirkungen, insbesondere ökologische und soziale, haben die neuen digitalen Prozesse und Strukturen auf unser gesamtes Leben und auf unsere Umwelt und die Natur? Und wird es nicht die ganzen bestehenden Ungleichheiten in vielen Bereichen weltweit eher noch verschärfen?

Die beiden Autoren, der promovierte Volkswirt Steffen Lange und der Professor für Sozial-Ökologische Transformation und Nachhaltige Digitalisierung an der TU Berlin, Tilman Santarius, sind ausgewiesene Experten auf dem Gebiet und schaffen es problemlos auch komplexere wissenschaftliche Zusammenhänge leicht verständlich und sehr gut lesbar darzustellen. Das größte Lob kann man dem Autorenteam dafür aussprechen, dass sie es schaffen, bei der gerade überall gepuschten Digitalisierung niemals den so unheimlich wichtigen kritischen Blick zu verlieren. Sie räumen u.a. gleich mit mehreren der Digitalisierung zu Unrecht „unterstellten“ positiven Auswirkungen auf und begründen dies in immer nachvollziehbarere Art und Weise, unterstützt durch eine Vielzahl wissenschaftlicher Studien und deren Ergebnisse. Gerade die diesem Themenbereich anhaftende große Komplexität ist es, die bei diesem möglichen Weg eine Neugestaltung nahezu jedes Bereichs unseres Lebens die größten Risiken häufig nicht mehr sichtbar werden lässt.

Das Buch macht deutlich, was auch jeder Bio-Betrieb wissen sollte: Die Digitalisierung ist nur ein Instrument, nicht mehr und nicht weniger. Es kann, richtig eingesetzt, positive Auswirkungen haben. Es kann aber auch große Risiken erzeugen und Betriebe in eine deren Existenz bedrohende Abhängigkeit führen.

Kritik?

Ja, der Bereich des Themas Datenschutz hätte meiner Ansicht nach etwas ausführlicher ausgestaltet werden können. Diese Kürze ist an einigen anderen Stellen auch so zu finden und ist bei genauer Betrachtung sogar ein Pluspunkt, denn wenn die Autoren hier jeweils mehr geschrieben hätten, was sie aufgrund ihrer Expertise ohne Zweifel hätte tun können, wäre das Buch nicht nur rund 200, sondern sicherlich mehr als 400 Seiten stark geworden und das hätte dazu geführt, dass vielleicht einige Leser*innen das Werk nicht so gerne kaufen würden. Wir alle kennen das: Je mehr Seiten, je mehr Details, desto mehr kann der große Umfang dann sogar abschreckend wirken. Zudem sind die Themenschwerpunkte perfekt gewählt und für die Leser*innen, die sich weiter und tiefer in die Materie einlesen wollen, gibt es ein umfangreiches Literaturverzeichnis und eine Liste mit wirklich sehr guten weiterführenden Anmerkungen/Verweisen.

Fazit:

Ein sehr gutes und sehr wichtiges Buch mit hervorragend ausgewählten Inhaltsschwerpunkten, trotz oder gerade wegen der zum Teil eher kürzeren Einzeldarstellung. Unbedingt empfehlenswert!

Steffen Lange, Tilman Santarius, „Smarte Grüne Welt?“, oekom verlag München, 2018, 15,00 EUR (D)

Siehe auch: https://www.oekom.de/buch/smarte-gruene-welt-9783962380205

DigiMilch – Echte Lösung oder fragwürdiges Experiment?

DigiMilch – Echte Lösung oder fragwürdiges Experiment?

Das Projektteam DigiMilch der Landesanstalt für Landwirtschaft des Landes Bayern erhielt in diesem Jahr eine weitere Unterstützung durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft.

Im Titel des Projektes wird deutlich, was hier eigentlich „getestet“ werden soll: Die Digitalisierung der gesamten Verfahrenskette der Milcherzeugung. In dem Experiment sollen insbesondere 5 Bereiche und darin mögliche digitale Lösungen untersucht werden:

  1. Tierindividuelle Sensorsysteme
  2. Sensorgestützte Ertragsmitteilung
  3. Fütterungsmanagement
  4. Eine vernetzte Stalltechnik
  5. Wirtschaftsdüngermanagement

Einen der Schwerpunkte sehen die Forscher hier, wie übrigens in allen Bereichen, die einer Digitalisierung unterzogen werden sollen, in der notwendigen idealen Vernetzung der verschiedenen Lösungsfunktionalitäten und -techniken. Zudem soll u.a. der gesamte Kreislauf der Nährstoffe dokumentiert und ebenfalls optimiert werden. Da hierbei bereits die Düngung des Futters und dessen Ernte mit einbezogen werden soll, macht leider auch dieses Projekt wieder deutlich, dass die Daten nicht nur in dem eigentlich erkennbaren unmittelbaren Einsatzgebiet erhoben und nur dort verarbeitet werden sollen, sondern in vielen anderen weiteren Bereichen, u.a. der gesamten Wertschöpfungskette.

Bedarfsgerechter Futteranbau, vollautomatische Fütterung, automatisiertes Melken, direkter Daten-Anschluss an die gesamte weitere milchverarbeitende Industrie, bis hin zur digitalen Ansprache einzelner Kunden, mit ggf. individuell auf deren Verkaufswünsche erstellte Produkte.

Neben der durch die Digitalisierung unmittelbar und einfach erreichbaren Automatisierung und den daran anschließenden und keineswegs nur positiv zu bewertenden Quantitätsoptimierungen, liegt der (noch versteckte?) Fokus wohl auch hier wieder in der Erzeugung und Nutzung und Verkettung möglichst vieler verschiedenen Daten, die dann in möglichst vielen anderen Bereichen/Branchen „eingesetzt“ werden können. Im Grunde ist man nicht mehr weit entfernt von der perfekten Aussaat bis zur Auslieferung eines individuellen Milchproduktes für genau den einen Kunden. Produziert ganz nach dessen Wünschen, wann und wie er es will.

Die Bedenken dabei liegen auf der Hand und auf diese habe ich bereits mehrfach hingewiesen. Was das aber allein für das unmittelbare Tierwohl bedeuten kann, ist nicht schwer zu erkennen. Und was machen Landwirte*innen, wenn die niemals ausschließenden Probleme mit digitalen System auffangen? Von Strom oder ganzen Systemausfälle über einen längeren Zeitraum ganz zu schweigen? Wie will er das nicht verschiebbare Melken dann kurzfristig gewährleisten?

Eine volldigitalisierte Milchlandwirtschaft kann ohne die ganzen verschiedenen Anbieter der Technik, Soft- und Hardware nicht existieren. Kommt es zu einem Konflikt mit diesem, kann eine Umstellung auf alternative andere Anbieter im laufenden Betrieb praktisch so gut wie nicht stattfinden. Kurzfristige alternative Verfahren und Modelle und Plan-B Lösungen sind praktisch ausgeschlossen. Nicht der Landwirt ist der, der dann noch seinen Hof bewirtschaftet, sondern allein die Hersteller und Servicedienstleister der gesamten eingesetzten Technik.

Und worum geht es vielleicht wirklich? Nun, das könnte einfach sein:

Warum braucht man, wenn man diese Modelle konsequent weiterdenkt, überhaupt noch einen Landwirt oder eine Landwirtin? Sind die Milchhöfe erst einmal vollständig digitalisiert, kann praktisch jeder weltweite Investor sofort einem solchen Betrieb in kürzester Zeit nahezu an jeder Stelle und in jeder Größe errichten. Hallen mit mehreren Tausend Milchkühen? Gar kein Problem mehr, denn die Technik kann das schon heute. Ein weiteres Horrorszenario einer reinen weiteren Industrialisierung der Land- und Tierwirtschaft und sicherlich nicht der richtige Weg.

Ein nicht nur allein aus diesen Punkten heraus sehr kritisch zu beobachtendes Projekt, bei dem die wahren Ziele der Forschung (noch) nicht offenkundig sichtbar zu seien scheinen. Wer zudem nur einmal die gerade für die im Bereich der Milchwirtschaft in keinem Verhältnis zu den dort erzielbaren Umsätzen stehenden extrem hohen Investitionskosten berücksichtigt, weiß, dass diese wohl niemals zu erwirtschaften sein werden. Hinzu kommen sofortige und langfristig erheblich höhere laufende Kosten auf die Höfe zu, ohne dass dem eine ebenso schnelle und unmittelbare signifikante Steigerung der Quantität und Qualität gegenüber steht, die diese Kosten decken könnten. Wenn nicht alle Landwirte*innen nicht endlich faire Preise für ihre gesamten Produkte bekommen, insbsondere bei der Milch, ist ein solches Projekt, wenn überhaupt, nur aus rein wissenschaftlichen Gründen interessant. Mit der Realität der Höfe hat es nichts zu tun.

Es macht hier eher den Eindruck, dass es wieder einmal so ist, wie in anderen Bereichen einer digitalisierten Landwirtschaft auch, denn die einfache Frage lautet:

Womit bezahlt der Milchhof seine vielen neuen und höheren Rechnungen?

Genau: Mit Daten!

Quelle und weitere Infos; https://www.lfl.bayern.de/digimilch

Hier noch der link zu einem Bericht im BR Fernsehen zu dem Thema:

https://www.br.de/br-fernsehen/programmkalender/ausstrahlung-2302688.html

Gehören für mich die SoLaWis, RVL und CSA mit dazu?

Gehören für mich die SoLaWis, RVL und CSA mit dazu?

Ich habe mehrere Anfragen erhalten, ob ich denn auch SoLaWis, regionalen Vertragslandwirtschaften (RVL) und Community Supported Agriculture (CSA) im Bereich der Digitalisierung betreuen würde, da ich ja meist über Bio-Höfe und Bio-Betriebe spreche. Meine klare Antwort: Aber natürlich!

Gerade diese besonderen Formen einer nicht-industriellen und marktunabhängigen Landwirtschaft müssen aufgrund ihrer zum Teil sehr spezifischen rechtlichen Strukturen ein paar zusätzliche Vorgaben bei der Digitalisierung beachten. Diese erwachsen meist aus diesen selbst unmittelbar aber auch mittelbar, z.B. aus deren Zielsetzungen. So kann z.B. das Vorliegen einer genossenschaftlichen Grundstruktur zu weiteren Aufgaben führen, wenn es um die Bereiche Datensicherheit, Datenschutz und IT-Sicherheit geht. Zudem ergeben sich u.U. zusätzliche Probleme durch die verschiedenen Personen, die z.B. auf Daten zugreifen könn(t)en.

Neben den besonderen Anforderungen an eine Digitalisierung, erwachsen u.a. aus den Bereichen Umweltschutz, Ressourcenschutz, Nachhaltigkeit und den Grundsätze und Umsetzungsformen einer sozial-ökologischen Wirtschaft, spezielle Anforderungen an die rechtlichen Vorgaben eines Datenschutzes, sowie u.a. dem so ungemein wichtigen „Eigentum an den Daten“. 

Schließlich hat die „Beteiligung“ von Privatpersonen an diesen besonderen Wirtschaftsformen mittelbare und unmittelbare Auswirkungen auf die Digitalisierung der einzelnen und meist doch unterschiedlichen Betriebe, die nicht unterschätzt werden sollten. Das gilt insbesondere dann, wenn die diese in verschiedenen Rechtsformen, Ausgestaltungen und Zielsetzungen betrieben, und damit ggf. unterschiedliche Verfahren und Prozesse benötigt werden.

Es ist daher dringend erforderlich, bei der strategischen Ausrichtung diese Punkte mit einzubeziehen.